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Spannungskonzepte

Kerbspannungskonzept für Schweißnähte: Referenzradius und Vernetzung

Das genaueste der drei Konzepte — und dasjenige, bei dem Modellierungsaufwand und Rechenzeit am schnellsten aus dem Ruder laufen. Wann es sich lohnt und wann nicht.

Die Grundidee: eine definierte statt der realen Kerbe

Beim Kerbspannungskonzept wird die Naht selbst modelliert, einschließlich der Kerbe am Übergang und an der Wurzel. Damit erfasst das Modell die gesamte Kerbwirkung — die FAT-Klasse muss anschließend keine mehr enthalten, weshalb für alle Details dieselbe Klasse gilt. Das ist der eigentliche Reiz des Verfahrens: Es braucht keinen Katalog.

Der Haken ist die Geometrie. Der reale Nahtübergang ist scharf und streut erheblich — von Naht zu Naht, von Schweißer zu Schweißer. Modelliert man ihn scharf, wächst die berechnete Spannung mit jeder Netzverfeinerung weiter; das Ergebnis hängt dann an der Elementgröße statt am Bauteil.

Die Lösung ist ein fiktiver Referenzradius: Die unbekannte reale Kerbgeometrie wird durch eine definierte ersetzt. Für Stahl mit Blechdicken ab etwa 5 mm ist ein Radius von 1 mm etabliert, angesetzt sowohl am Nahtübergang als auch an der Wurzel. Für dünne Bleche wäre dieser Radius im Verhältnis zur Blechdicke zu groß — dort gilt ein deutlich kleinerer Wert mit eigener zugehöriger FAT-Klasse.

Was der Radius kostet: die Vernetzung

Damit die Kerbspannung konvergiert, müssen über den Radius mehrere Elemente liegen. Bei 1 mm Radius bedeutet das Elementkantenlängen im Zehntelmillimeterbereich — in einem Bauteil, das im Ganzen vielleicht mehrere Meter misst. Das führt entweder zu sehr großen Modellen oder zu einer Submodell-Technik, bei der das Gesamtmodell grob bleibt und nur der kritische Ausschnitt fein gerechnet wird.

Genau deshalb ist das Kerbspannungskonzept kein Verfahren für den Serienbetrieb. Es ist ein Werkzeug für einzelne kritische Details — nicht für die Baugruppe mit 50 Nähten, bei der es am Ende um Nachweisführung und Dokumentation geht.

Der Vorteil, den die anderen Konzepte nicht haben

Ein Punkt spricht unabhängig vom Aufwand für das Konzept: Es erfasst die Nahtwurzel. Das Strukturspannungskonzept wertet am Nahtübergang aus und kann prinzipbedingt nichts über einen Riss sagen, der von der Wurzel ausgeht. Bei nicht durchgeschweißten Verbindungen ist die Wurzel aber häufig die maßgebende Stelle.

Ein Ergebnis ist nur so gut wie seine Randbedingungen

Die höhere Genauigkeit des Verfahrens verführt dazu, ihm mehr zu glauben, als es verdient. Sie gilt für die Spannungsermittlung an der Kerbe — nicht für die Lastannahmen, die Randbedingungen und die Frage, ob die reale Naht der modellierten Geometrie entspricht. Eine Kerbspannungsrechnung auf einem Modell mit grob geschätzten Lastspielzahlen ist kein besserer Nachweis als eine saubere Nennspannungsrechnung, sondern nur eine teurere.

Einordnung

Für den Regelfall — Detail im Katalog, Riss am Nahtübergang — bleibt das Nennspannungskonzept der pragmatische Weg. Die Gegenüberstellung aller drei Konzepte mit Auswahlhilfe steht in der Übersicht der Spannungskonzepte.

Häufige Fragen

Warum wird ein fiktiver Radius eingeführt?
Der reale Nahtübergang ist geometrisch scharf und streut stark von Naht zu Naht. Ein scharfer Kerb liefert im FE-Modell eine Spannung, die mit jeder Netzverfeinerung weiter wächst — sie konvergiert nicht und taugt nicht als Nachweisgröße. Der fiktive Radius ersetzt die unbekannte reale Kerbgeometrie durch eine definierte, mit der die Spannung konvergiert und reproduzierbar wird.
Welcher Referenzradius gilt?
Für Stahl mit Blechdicken ab etwa 5 mm ist ein Referenzradius von 1 mm etabliert. Für dünne Bleche ist dieser Radius im Verhältnis zur Blechdicke zu groß; dort wird mit einem deutlich kleineren Radius und einer entsprechend anderen FAT-Klasse gearbeitet. Der Radius wird sowohl am Nahtübergang als auch an der Wurzel angesetzt, weil beide Stellen versagenskritisch sein können.
Wie fein muss das Netz sein?
Deutlich feiner als bei den anderen Konzepten: Über den Radius müssen mehrere Elemente liegen, damit die Kerbspannung konvergiert. Als Größenordnung gilt eine Elementkantenlänge von einem Bruchteil des Radius — bei 1 mm Radius also im Zehntelmillimeterbereich. Das ist der Grund, warum sich das Konzept nur für einzelne kritische Details lohnt und nicht für eine ganze Baugruppe mit 50 Nähten.
Wann lohnt sich der Aufwand?
Wenn das Detail in keinem Katalog steht, kein sinnvoller Hot-Spot definierbar ist, oder wenn der Riss von der Nahtwurzel ausgeht — die Wurzel erfasst das Strukturspannungskonzept prinzipbedingt nicht. Ebenso, wenn ein Nachweis nach den einfacheren Konzepten rechnerisch scheitert und Sie wissen wollen, ob das an der Wirklichkeit oder an der Konservativität des Verfahrens liegt.

Hinweis zum Funktionsumfang von NahtNorm

NahtNorm rechnet heute nach dem Nennspannungskonzept. Das Kerbspannungskonzept ist in Entwicklung; die Kerbmodellierung und die Vernetzung gehören ohnehin in Ihr FE-Modell. Den Stand führen wir unter Entwicklungsstand.

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