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Wissen

Spannungskonzepte für Schweißnähte im Vergleich

Nennspannung, Strukturspannung und Kerbspannung unterscheiden sich nicht darin, wie genau sie sind, sondern darin, wie viel Kerbwirkung schon in der Spannung steckt und wie viel noch in der Kerbfallklasse. Wer das verwechselt, erfasst dieselbe Wirkung zweimal — oder gar nicht.

Die kurze Antwort

  1. 1. Steht Ihr Detail im Kerbfallkatalog der EN 1993-1-9? → Nennspannungskonzept.
  2. 2. Nein, aber der Riss geht vom Nahtübergang aus und ein Hot-Spot ist definierbar? → Strukturspannungskonzept.
  3. 3. Auch das nicht — oder der Riss geht von der Nahtwurzel aus? → Kerbspannungskonzept.

Der gemeinsame Nenner: Kerbwirkung wird einmal erfasst

Alle drei Konzepte weisen dieselbe physikalische Größe nach — die örtliche Beanspruchung an der versagenskritischen Stelle. Sie teilen die Aufgabe nur unterschiedlich auf zwischen dem, was das Modell liefert, und dem, was die Kerbfallklasse beisteuert.

Beim Nennspannungskonzept trägt die Klasse fast alles: Das Modell liefert eine glatte Spannung, die Klasse enthält die gesamte Kerbwirkung des Details. Beim Strukturspannungskonzept übernimmt das Modell die strukturelle Kerbwirkung, die Klasse nur noch die der Naht. Beim Kerbspannungskonzept trägt das Modell alles, weshalb für alle Details dieselbe Klasse gilt.

Daraus folgt die wichtigste Regel im Umgang mit den drei Verfahren: Spannung und Kerbfallklasse müssen aus demselben Konzept stammen. Eine FAT-Klasse aus dem Nennspannungskatalog gegen eine am Nahtübergang abgelesene Spannung zu setzen, erfasst die Kerbwirkung doppelt. Der Nachweis wird dadurch nicht sicherer, sondern nur unbrauchbar — er ist mit keinem Verfahren mehr begründbar.

Häufige Fragen

Welches Spannungskonzept soll ich wählen?
Beginnen Sie beim Nennspannungskonzept: Wenn Ihr Detail im Kerbfallkatalog der EN 1993-1-9 steht, ist es der pragmatische Weg mit dem geringsten Aufwand. Erst wenn keine Kerbfallklasse passt, gehen Sie eine Stufe weiter zum Strukturspannungskonzept — und zum Kerbspannungskonzept nur, wenn auch kein Hot-Spot definierbar ist oder der Riss von der Nahtwurzel ausgeht.
Kann ich Kerbfallklassen zwischen den Konzepten übertragen?
Nein. Die Klassen sind konzeptspezifisch, weil jedes Konzept einen anderen Anteil der Kerbwirkung bereits in der Spannung enthält. Eine Klasse aus dem Nennspannungskatalog gegen eine Strukturspannung zu setzen, erfasst die Kerbwirkung teilweise doppelt.
Ist ein aufwändigeres Konzept immer genauer?
Für die Spannungsermittlung an der Kerbe ja — für den Nachweis insgesamt nicht unbedingt. Lastannahmen, Randbedingungen und Lastspielzahlen bleiben dieselben, und ihre Unsicherheit ist oft größer als der Genauigkeitsgewinn beim Spannungskonzept. Ein aufwändiges Konzept auf grob geschätzten Eingangsgrößen ist kein besserer Nachweis, nur ein teurerer.

NahtNorm rechnet den Nachweis nach dem Nennspannungskonzept — statisch nach EN 1993-1-8 und Ermüdung nach EN 1993-1-9.