Berechnen
Kehlnaht berechnen nach EN 1993-1-8: Richtungsverfahren Schritt für Schritt
Mit vollständigem Zahlenbeispiel — inklusive der zweiten Bedingung, die in selbstgebauten Rechenhilfen regelmäßig fehlt.
Was beim Kehlnaht-Nachweis geprüft wird
Die Kehlnaht überträgt Kräfte über ihre wirksame Fläche. Der Nachweis nach dem Richtungsverfahren der EN 1993-1-8 zerlegt die Beanspruchung in drei Komponenten, bezogen auf die Nahtwurzelfläche:
- σ⊥ — Normalspannung senkrecht zur Nahtfläche
- τ⊥ — Schubspannung in der Nahtfläche, senkrecht zur Nahtachse
- τ∥ — Schubspannung in der Nahtfläche, parallel zur Nahtachse
Aus diesen drei Werten folgen zwei Nachweisbedingungen. Die Trennung ist wichtig: Sie decken unterschiedliche Versagensmechanismen ab, und je nach Lastrichtung wird mal die eine, mal die andere maßgebend.
Beispiel: durchgerechnet in fünf Schritten
Kehlnaht a = 5 mm, l = 200 mm, beidseitig, S355, F = 500 kN quer. Stahlgüte S355 mit f_u = 510 N/mm² und β_w = 0,90, Teilsicherheitsbeiwert γ_M2 = 1,25.
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Wirksame Nahtfläche bestimmen
A_w = a · l, mit dem a-Maß und der wirksamen Nahtlänge. Bei beidseitiger Ausführung teilen sich zwei Nahtseiten die Kraft.
A_w = a · l = 5 mm · 200 mm = 1000 mm²
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Spannungskomponenten ermitteln
Die Kraft wird in die Komponenten senkrecht und parallel zur Nahtachse zerlegt. Bei Querlast auf eine Kehlnaht verteilt sich die Kraft gleichmäßig auf Normal- und Schubanteil in der Nahtebene.
σ⊥ = τ⊥ = F / (n · A_w · √2) = 500 000 N / (2 · 1000 mm² · √2) = 176,8 N/mm²
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Bedingung 1 — Vergleichsspannung
Die Vergleichsspannung fasst alle drei Komponenten zusammen und wird gegen die Nahtfestigkeit gestellt, die über den Korrelationsbeiwert β_w von der Stahlgüte abhängt.
σ_w,v = √(σ⊥² + 3·(τ⊥² + τ∥²)) = 353,6 N/mm² ≤ f_u/(β_w·γ_M2) = 510/(0,90·1,25) = 453,3 N/mm² → 78,0 %
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Bedingung 2 — Normalspannung
Unabhängig davon wird die Normalspannung senkrecht zur Nahtfläche gesondert begrenzt. Diese Bedingung fehlt in vielen selbstgebauten Rechenhilfen.
|σ⊥| = 176,8 N/mm² ≤ 0,9·f_u/γ_M2 = 0,9·510/1,25 = 367,2 N/mm² → 48,1 %
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Maßgebenden Ausnutzungsgrad bestimmen
Maßgebend ist die ungünstigere der beiden Bedingungen. Bei mehreren Lastfällen gilt das je Lastfall; der ungünstigste bestimmt den Nachweis.
η = max(78,0 % ; 48,1 %) = 78,0 % → Nachweis erfüllt
Der Korrelationsbeiwert β_w
β_w berücksichtigt, dass das Schweißgut je nach Grundwerkstoff unterschiedlich stark ausgenutzt werden darf. Er wächst mit der Festigkeit des Grundwerkstoffs — die zulässige Nahtspannung steigt also unterproportional zur Zugfestigkeit:
- S235 — f_u = 360 N/mm², β_w = 0,80
- S275 — f_u = 430 N/mm², β_w = 0,85
- S355 — f_u = 510 N/mm², β_w = 0,90
Für höherfeste Güten gelten weitere Werte; maßgeblich sind die Angaben der Norm und des jeweils gültigen Nationalen Anhangs.
Häufige Fehlerquellen
- Nur die Vergleichsspannung geprüft. Die Begrenzung von σ⊥ ist ein eigenständiger Nachweis, kein Zusatzhinweis.
- Nahtüberhöhung mitgerechnet. Das a-Maß bemisst sich am einbeschriebenen Dreieck, nicht an der sichtbaren Nahtaußenkontur.
- Volle Nahtlänge angesetzt. An Endkratern und Nahtanfängen ist die Naht nicht voll tragfähig; maßgeblich ist die wirksame Länge.
- Falscher β_w-Wert. Er hängt am Grundwerkstoff, nicht am Zusatzwerkstoff.
- Nur ein Lastfall betrachtet. Der maßgebende Fall ist nicht immer der mit der größten Resultierenden — die Lastrichtung entscheidet mit.
Was dieser Nachweis nicht abdeckt
Der hier gezeigte Weg ist der statische Nachweis. Bei schwingender Beanspruchung tritt der Ermüdungsnachweis nach EN 1993-1-9 hinzu — mit Kerbfallklasse, Schwingbreite und Lastspielzahl. Er ersetzt den statischen Nachweis nicht, sondern kommt hinzu.
Für Stumpfnähte und HV-Nähte gilt das Richtungsverfahren nicht: Durchgeschweißte Stumpfnähte werden über das schwächere der verbundenen Bauteile nachgewiesen. NahtNorm rechnet derzeit ausschließlich Kehlnähte und weist andere Nahtformen ausdrücklich als noch nicht rechenbar aus, statt ein Ergebnis zu liefern — siehe Entwicklungsstand.
Häufige Fragen
- Welche Formel gilt für den Kehlnaht-Nachweis nach EN 1993-1-8?
- Das Richtungsverfahren verlangt zwei Bedingungen: Erstens die Vergleichsspannung σ_w,v = √(σ⊥² + 3·(τ⊥² + τ∥²)) ≤ f_u/(β_w·γ_M2), zweitens die Begrenzung der Normalspannung |σ⊥| ≤ 0,9·f_u/γ_M2. Maßgebend ist die ungünstigere der beiden.
- Warum reicht die Vergleichsspannung allein nicht?
- Weil die zweite Bedingung einen anderen Versagensmechanismus abdeckt: die reine Zugbeanspruchung senkrecht zur Nahtfläche. Bei überwiegender Querbeanspruchung kann sie maßgebend werden, obwohl die Vergleichsspannung noch Reserven zeigt. In vielen Excel-Sheets fehlt genau diese Bedingung.
- Was ist die wirksame Nahtdicke a?
- Die Höhe des größten Dreiecks, das sich in den Nahtquerschnitt einbeschreiben lässt, gemessen ab der theoretischen Wurzel — ohne Nahtüberhöhung. Die wirksame Nahtfläche ergibt sich daraus als A_w = a · l mit der wirksamen Nahtlänge l. Details dazu auf der Seite zum a-Maß.
- Wie wirkt sich eine beidseitige Naht aus?
- Zwei Nahtseiten teilen sich die Kraft, die Spannung je Seite halbiert sich entsprechend. In der Rechnung erscheint das als Faktor n in der Nennerposition — bei sonst gleichen Werten sinkt der Ausnutzungsgrad gegenüber der einseitigen Ausführung.
- Gilt das auch für Stumpfnähte?
- Nein. Durchgeschweißte Stumpfnähte werden nicht über das Richtungsverfahren nachgewiesen, sondern über den Nachweis des schwächeren der verbundenen Bauteile. Für teilweise durchgeschweißte Nähte und HV-Nähte gelten eigene Regeln. NahtNorm rechnet derzeit ausschließlich Kehlnähte.
Diesen Nachweis rechnet NahtNorm — mit beiden Bedingungen und prüffähigem Bericht.
Mehrere Lastfälle je Naht, maßgebender Fall automatisch, alle Zwischenwerte im PDF. Verwandte Themen: a-Maß bestimmen · Nennspannungskonzept