Berechnen
Schweißkonstruktion berechnen: welcher Nachweis, welche Norm
Vor der ersten Formel stehen drei Entscheidungen. Wer sie in der richtigen Reihenfolge trifft, spart sich das Umrechnen im Nachhinein.
Zwei Nachweise, nicht einer
„Berechnen“ meint bei geschweißten Konstruktionen zwei unterschiedliche Fragen. Der statische Nachweis prüft, ob die Verbindung die auftretenden Kräfte übertragen kann. Der Ermüdungsnachweis prüft, ob sie die geforderte Zahl an Lastwechseln übersteht. Bei schwingender Beanspruchung sind beide zu führen — der eine ersetzt den anderen nicht.
Die Unterscheidung wirkt sich sofort auf den Aufwand aus: Der statische Nachweis kommt mit Schnittgrößen und Werkstoffkennwerten aus. Der Ermüdungsnachweis verlangt zusätzlich eine Kerbfallzuordnung, eine Schwingbreite und eine Aussage über das Lastkollektiv.
Das Regelwerk folgt dem Anwendungsfeld
Welche Norm gilt, entscheidet nicht die Nahtform, sondern das Bauwerk oder Produkt. Dieselbe Kehlnaht wird im Hochbau anders nachgewiesen als im Drehgestell eines Schienenfahrzeugs:
EN 1993-1-8
Stahlbau — statischer NachweisTragfähigkeit von Schweißverbindungen im Hochbau und allgemeinen Stahlbau. Für Kehlnähte über das Richtungsverfahren mit zwei Nachweisbedingungen.
Eurocode 3 im DetailEN 1993-1-9
Stahlbau — ErmüdungErmüdungsnachweis über Kerbfallklassen (FAT) und Schwingbreiten. Kommt zum statischen Nachweis hinzu, ersetzt ihn nicht.
Kerbfallklassen zuordnenFKM-Richtlinie
MaschinenbauRechnerischer Festigkeitsnachweis für Maschinenbauteile — statisch und Betriebsfestigkeit, mit synthetisch abgeleiteten Wöhlerlinien.
FKM-Richtlinie im DetailDVS 1612
SchienenfahrzeugbauErmüdungsfestigkeitsbewertung geschweißter Bauteile in Schienenfahrzeugen, mit eigener Kerbfallsystematik.
DVS 1612 im DetailEN 13001
Krane und KrantragwerkeGrenzzustandsmethode für Krantragwerke; hat die DIN 15018 in der Anwendung abgelöst.
EN 13001 im Detail
Rechnen kann NahtNorm heute EN 1993-1-8 und EN 1993-1-9. Die übrigen Regelwerke stehen hier zur Einordnung — welche Nachweise das Produkt führt und welche nicht, steht offen im Entwicklungsstand.
Das Spannungskonzept bestimmt den Modellaufwand
Innerhalb des gewählten Regelwerks steht die dritte Entscheidung an: auf welche Spannung sich der Nachweis bezieht. Das Nennspannungskonzept arbeitet mit Schnittgrößen und einer Kerbfallklasse, das Strukturspannungskonzept extrapoliert die Spannung an den Nahtübergang, das Kerbspannungskonzept modelliert den Nahtübergang selbst mit einem fiktiven Referenzradius.
Der Aufwand steigt in dieser Reihenfolge deutlich — und mit ihm die Anforderungen an die Vernetzung. Ein Modell, das für das eine Konzept ausreicht, ist für das nächste unbrauchbar. Die Gegenüberstellung mit Voraussetzungen und Grenzen steht im Vergleich der Spannungskonzepte.
Der Ablauf in fünf Schritten
- 1
Beanspruchungsart klären
Ruhende oder überwiegend ruhende Belastung verlangt den statischen Nachweis. Bei schwingender Beanspruchung tritt der Ermüdungsnachweis hinzu — das ist die Entscheidung, die den größten Teil des weiteren Aufwands bestimmt.
- 2
Regelwerk nach Anwendungsfeld wählen
Nicht die Naht entscheidet, sondern das Bauwerk oder Produkt: Stahlbau, Maschinenbau, Schienenfahrzeug oder Kran. Vorgaben aus Vertrag, Bauaufsicht oder Kundenspezifikation gehen vor.
- 3
Spannungskonzept festlegen
Nennspannung, Strukturspannung (Hot-Spot) oder Kerbspannung. Die Wahl bestimmt, welches FE-Modell nötig ist und welche Kennwerte gelten — sie lässt sich später nicht folgenlos wechseln.
- 4
Schnittgrößen in Nahtspannungen umrechnen
Aus Kraft und Moment werden die Komponenten in der Nahtfläche. Maßgeblich ist die wirksame Nahtfläche aus a-Maß und wirksamer Länge, nicht die sichtbare Nahtkontur.
- 5
Nachweis führen und dokumentieren
Ausnutzungsgrad je Lastfall, maßgebender Fall, und die Zwischenwerte nachvollziehbar festhalten. Ein Nachweis, dessen Zwischenschritte fehlen, ist für einen Prüfer nicht nachrechenbar.
Wo die Rechnung in der Praxis kippt
- Ermüdung übersehen. Eine als „ruhend“ eingestufte Belastung, die tatsächlich schwingt, macht den gesamten Nachweis wertlos.
- Konzept und FE-Modell passen nicht zusammen. Kerbfallklassen des Nennspannungskonzepts auf Spannungen anzuwenden, die aus einem feinen Kerbmodell stammen, führt zu systematisch falschen Ergebnissen.
- Nahtüberhöhung mitgerechnet. Maßgeblich ist das a-Maß als Höhe des einbeschriebenen Dreiecks, nicht die sichtbare Außenkontur.
- Nur ein Lastfall betrachtet. Der maßgebende Fall ist nicht zwingend der mit der größten Resultierenden — die Lastrichtung entscheidet mit.
- Zwischenwerte nicht dokumentiert. Ein Endergebnis ohne Rechenweg lässt sich von einem Prüfer nicht nachvollziehen.
Häufige Fragen
- Was bedeutet es, eine Schweißkonstruktion zu berechnen?
- Zwei getrennte Fragen: Hält die Verbindung die auftretenden Kräfte (statischer Nachweis), und hält sie die auftretenden Lastwechsel über die geforderte Lebensdauer (Ermüdungsnachweis)? Bei schwingender Beanspruchung sind beide zu führen; der Ermüdungsnachweis ersetzt den statischen Nachweis nicht.
- Welche Norm gilt für meine Konstruktion?
- Das richtet sich nach dem Anwendungsfeld, nicht nach der Nahtform: im Stahlbau EN 1993-1-8 und EN 1993-1-9, im Maschinenbau die FKM-Richtlinie, im Schienenfahrzeugbau DVS 1612, bei Krantragwerken EN 13001. Vertragliche Vorgaben oder Kundenspezifikationen können ein bestimmtes Regelwerk verbindlich setzen.
- Brauche ich eine FE-Rechnung?
- Für das Nennspannungskonzept nicht zwingend — es kommt mit Schnittgrößen aus. Struktur- und Kerbspannungskonzept setzen dagegen ein FE-Modell voraus, dessen Vernetzung zum Konzept passen muss. Das Konzept entscheidet über den Modellaufwand, nicht umgekehrt.
- Reicht ein selbstgebautes Excel-Sheet?
- Rechnerisch kommt man damit weit, solange alle Bedingungen abgebildet sind. In der Praxis fehlt in solchen Sheets regelmäßig die zweite Nachweisbedingung des Richtungsverfahrens, die Begrenzung der Normalspannung senkrecht zur Nahtfläche. Der zweite Schwachpunkt ist die Dokumentation: Ein Blatt mit Endergebnis ohne Zwischenwerte lässt sich nicht nachrechnen.
- Welche Nahtformen rechnet NahtNorm heute?
- Kehlnähte nach dem Richtungsverfahren der EN 1993-1-8, Stumpf- und HV-Nähte nach deren §4.7 sowie den Ermüdungsnachweis nach EN 1993-1-9 mit Kerbfallkatalog und Lastkollektiv. Bei voll durchgeschweißten Stumpfnähten weist NahtNorm nach §4.7.1 aus, dass die Naht die Tragfähigkeit des schwächeren Grundwerkstoffs erreicht — ein eigener Nahtnachweis ist dort nicht vorgesehen. Der jeweils aktuelle Stand steht auf der Seite Entwicklungsstand.
Den Kehlnaht-Nachweis nach EN 1993-1-8 rechnet NahtNorm — mit beiden Bedingungen und allen Zwischenwerten im Bericht.
Welche Nachweise heute verfügbar sind und welche nicht, steht offen im Entwicklungsstand. Der Rechenweg im Detail: Kehlnaht berechnen.